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Ein wissenschaftlicher Begleitartikel im Auftrage des MPZ zum Modellversuch..MuK

Danke Mathias, wir konnten viel über uns erfahren....!

Dr.Mathias Iffert,

unter Mitarbeit von Dieter Weber (Sportschule Potsdam):

 

 

Erkundungen in konstruktivistischer Perspektive

 

 

Vier Erinnerungssplitter

 

Mein Arbeitsplatz ist übervoll; ich überschaue einige der in den letzten Jahren im MuK-Unterricht unserer Schule entstandenen Resultate. Und wieder bin ich angenehm berührt – vor allem über die ästhetische Qualität und die offenkundige Sorgfalt, die aus den Produkten spricht.

Ich schaue mir zunächst Fotopappen an, die die SchülerInnen des MuK-Kurses im zweiten Halbjahr der 11. Jahrgangsstufe angefertigt haben. Im Rahmen der Unterrichtsreihe „Von der Fotoplatte zum binär codierten Fotodesign“ waren diese A3-Pappen Zwischenprodukte, mit denen die SchülerInnen ihre bislang angeeigneten fotografischen und fotogestalterischen Kompetenzen nachweisen sollten. Der Arbeitsauftrag war komplex: je ein Foto sollte zu den drei Themenbereichen „Selbstportrait“, „Potsdam-Detail“ und „Struktur“ produziert und zu einer kleinen Fotoausstellung zusammengestellt werden, wobei auch eine freie Gestaltung bzw. Betextung der Bilder ohne inhaltliche Vorgaben erfolgen sollte.
 

 











    Franka Köhler  : Selbstportrait

 

 

 

 







    Henriette Welz : Potsdam-Detail

    


                                                                       

 

 

Jedes der entstandenen Fotos spricht seine eigene Sprache. Nie sagt es ausschließlich etwas über das fotografierte Objekt aus, sondern immer auch über diejenige bzw. denjenigen, die bzw. der es produziert hat. Es ist erstaunlich, wie überzeugend sich die SchülerInnen in kurzer Zeit vom „Knipsen“ verabschiedet haben und versuchten, ästhetische Qualität zu erreichen, was auch und vor allem bedeutete, sich selbst in sein Produkt einzubringen. Auch die angefertigten Bildtexte transportieren die jeweils eigene, unverwechselbare Sicht auf das fotografierte Objekt; so wird das Foto zum „Potsdam-Detail“ nicht nur zum Nachweis fototechnischer Kompetenz auf der Grundlage theoretisch und praktisch angeeigneter Vorleistungen zu Bildaufnahme, -bearbeitung und -gestaltung, sondern gerinnt zum Ausdruck einer subjektiven Perspektive auf diese Stadt.

 

Dann blättere ich in den Materialien eines Schülers, einer umfangreichen Sammlung aus Konzepten, aus Skizzen zu Abläufen, Szenen und Drehorten, ich schaue mir ein Exposé an, ein Storyboard und schließlich das Drehbuch, all das alles andere als formal abgearbeitet, sondern zunehmend aufgeladen mit der eigenen Selbst- und Weltsicht. Die Mappe, angefertigt in der Jahrgangsstufe 12, dokumentiert die Arbeit an dem von dem Schüler angefertigten Videofilm „Was nun?“. Ich erinnere mich an den Film: Er erzählt weniger eine Geschichte als dass er Fragen stellt. Der Protagonist in diesem Film ist der Schüler selbst, die Perspektive wechselt zwischen Sicht auf die Figur und Figurensicht, dynamische Kameraläufe reihen sich an ruhige Bilder und Zeitlupenaufnahmen.

Ziellos schlendert die Figur zunächst durch den alten, heruntergekommenen Kaiserbahnhof in Potsdam-West. Aus der gespannten Ruhe wird eine dynamische Bewegung; alles dreht sich im Kreis; ein Gefühl des Taumels überträgt sich von der Figur auf den Betrachter. Erneute scheinbare Ruhe: Die Kamera fokussiert das Gesicht des Schülers und folgt dann seinem Blick zu einem im grauen Himmel fliegenden Fischreiher – für mich als Betrachter Ausdruck der Sehnsucht nach Ausbruch, nach Unbegrenztheit und Freiheit.

Schnitt: Die Figur schaut starr aus dem Fenster einer fahrenden S-Bahn, mögliche Kontakte zu anderen Fahrgästen sind blockiert, kommen nicht zustande. Eine Überblendung lässt uns an den Gedanken des Protagonisten teilhaben: Im abgedunkelten Zimmer sitzt er mit Büchern, die ihn zu erdrücken scheinen; eines der Schulbücher wird gegen die Wand geschleudert - der unterlegt mit lauten, aggressiven Tönen. Plakativ wird das Lebensgefühl einer Generation mit einer eigenen, romantischen Weltsicht verwoben - Beginn eines Ausbruchsversuchs, der zunächst kein Ziel zu kennen scheint. Der Film endet offen: eine Hand legt sich auf die Schulter des Protagonisten, dessen Blick wandert zu den Augen der jungen Frau, die ihn berührt hat. Schnitt - und der große Schriftzug „Was tun“ – der letzte fragende oder auch auffordernde Text in diesem kurzen Film, der nachdrücklich und ästhetisch anspruchsvoll einen Einblick in aktuelle Befindlichkeiten der jetzigen Schülergeneration gewährt.


 Szenenfoto aus dem Video 

Matthias Westendorf 

Beim Blättern in den Schülermaterialien stoße ich auf einen Notizzettel, eingeheftet vor dem ausführlichen Storyboard zum Film. „Überschrift“ steht dort und darunter die Stichworte „blind“, „Übersicht verloren“, „verloren in der Gesellschaft“ und dann ein eingekreistes „orientierungslos“. Auf dem gleichen Zettel etwas weiter unten finde ich unter der zunächst fragenden Überschrift „Zukunftsängste von mir?“ die folgenden Stichworte: „keine Perspektiven; Druck von Gesellschaft (Eltern, Freunde, Bekannte usw.)“, „ahnungslos, was tun, was wäre wenn;“, „wie verwirklichen“, „wer kann mir helfen“ und schließlich „trostlos“ und „ruhelos“. Ich kenne den Schüler aus anderen unterrichtlichen Zusammenhängen. Er wirkte auf mich zumeist sehr introvertiert, bewusst zurückhaltend. In Gesprächen mit ihm hatte ich immer wieder das Gefühl, dass er auf Grenzziehung bedacht war; offenbar konnte ich nicht wirklich zu ihm vordringen. In seinem Film jedoch findet er eine – seine – Sprache mit großer Nachdrücklichkeit und Ausdrucksstärke; und auch als er den Film vorstellte, hatte ich das Gefühl, einen anderen Schüler vor mir zu haben: engagiert, offen und enthusiastisch. War es mir zuvor offenbar nicht gelungen, meinen Unterricht zu seinem Unterricht werden zu lassen, so hatte er nunmehr in MuK nicht (irgend)einen, sondern seinen Film gemacht.

 

Jetzt halte ich eine CD-Rom in der Hand, die Abschlussarbeit zweier Schüler der Jahrgangsstufe 13. Das Multimedia-Produkt trägt den Titel „50 Jahre Sportschule“ und gewährte bereits bei Veranstaltungen mit SchulbewerberInnen und deren Eltern, bei „Tagen der offenen Tür“, Präsentationen der Schule in der Öffentlichkeit u.a. einen interessanten Einblick in die Geschichte und das aktuelle Profil der Sportschule Potsdam. Im Eröffnungstrailer unterlegt dynamische Musik eine schnelle Folge von Sportfotografien. Auf der danach erscheinenden Startseite wird man eingeladen, ins „Gestern“ und „Heute“ der Sportschule einzutauchen. Das Produkt genügt sowohl in inhaltlicher als auch gestalterischer Hinsicht durchaus höheren Ansprüchen; über eine animierte und steuerbare Videoführung durch die Schule über ausdrucksstarke Fotos zum Lernen, Trainieren und Leben in Schule, Trainingsstätte und Wohnheim bis hin zu prägnanten und informativen Texttafeln ist alles dabei, was eine attraktive Präsentation ausmacht. Eigenständig erarbeite Inhalte korrespondieren mit eingebauten Elementen, wie dem aktuellsten Abiturfilm der Sportschule oder dem Jubiläumsfilm zum 50. Geburtstag – beides Produkte der Interessengemeinschaft Multimedia, die bereits viel für die Schule geleistet hat und der die beiden Schüler auch heute noch, nach Abschluss ihres Abiturs, angehören. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem der beiden. Mit einem verschmitzten Lächeln sagte er: „Na ja, bei den Texten haben wir schon ein bisschen geschaut, was es so gab und das dann auch eingebaut. So richtige Textprofis sind wir ja beide nicht.“ Aber gleich darauf, und mit deutlich spürbarem Stolz: „Aber bei den Fotos, da ist kaum eins dabei, das wir nicht selbst geschossen haben.“

 













Screenshot : Entrée der CD-ROM



















 
Sportfoto aus der CD-ROM - Turnen

  

Der Termindruck, so erinnere ich mich weiter, war damals enorm. Das Schuljubiläum ließ sich nicht verschieben. Und die beiden schafften es; Stunden über Stunden saßen sie dafür im „MuK-Keller“, der eigentliche Unterricht war in dieser Phase der eindeutig kleinere Bestandteil der aufgewendeten Arbeitszeit. Man merkt der CD-Rom nicht die Mühe an, mit der sie entstanden ist; vielmehr spürt man Enthusiasmus: Hier haben Schüler wirklich ihre Schule mit dem zentralen und erfolgreichen Sportprofil vorgestellt und dabei nicht vergessen, die Bedeutung zu unterstreichen, die sie dem Fach MuK im Hinblick auf eine Profilerweiterung der Schule beimessen.

 

Der vierte Erinnerungssplitter, dem ich nachgehe, bezieht sich auf Selbstreflexionen von SchülerInnen des ersten MuK-Kurses der Sportschule, die diese am Ende der 12. Klasse angefertigt haben. Dem Kurs wurde der Auftrag erteilt, unter der Überschrift „Meine persönliche Entwicklung in und durch MuK“ eine Webseite mit Text und bildsensiblen Bereichen zu erstellen, die eine persönliche Auseinandersetzung mit dem neuen Unterrichtsfach zum Inhalt hat. Obgleich die SchülerInnen ausdrücklich zu einer (selbst)kritischen Reflexion ermuntert wurden, gab es kein Produkt, in dem der MuK-Unterricht negativ evaluiert wurde.

Daraus vorschnell zu folgern, dass die SchülerInnen das neue Fach tatsächlich als eine Bereicherung des Fächerkanons empfunden haben, ist riskant. Immerhin handelte es sich ja um eine Arbeit, die bewertet wurde; und welche(r) Schüler(in) organisiert sich schon den Misserfolg selbst, indem sie bzw. er Unterrichtsinhalt, -methodik oder gar die bzw. den Unterrichtenden als Person kritisiert, zumal bereits in der Formulierung der Aufgabenstellung  eine „Entwicklung“ unterstellt wird? Effekte struktureller Unmündigkeit und sozialer Erwünschtheit, bei denen die Lernenden den Weg des geringsten Widerstandes gehen, sind ja wohl im schulischen Kontext beileibe keine Ausnahme, wenn nicht gar häufig die Regel.

Schaut man sich die Reflexionen der SchülerInnen genauer an, fällt es allerdings schwer, an dieser Interpretation festzuhalten, denn sowohl das den einzelnen Äußerungen innewohnende hohe Maß an Authentizität als auch die nicht selten vorkommende ausdrückliche Abgrenzung von anderen Unterrichtsfächern legen es nahe anzunehmen, dass MuK eben nicht nur als mehr oder weniger sinnvolle Erweiterung des Fächerkanons, sondern als Fach mit hoher persönlicher Relevanz wahrgenommen wurde.

Zur Veranschaulichung dieser Aussage sollen die Reflexionen einer Schülerin und zweier Schüler dienen, die hier so übernommen sind, wie sie nach Fertigstellung der Seite auch im Internet veröffentlicht wurden. Der Zugriff auf das Thema „Meine persönliche Entwicklung in und durch MuK“ ist jeweils ein subjektiver, was u.a. dazu führt, dass in der Summe ein relativ breites Argumentationsspektrum entsteht, welches eine zweckmäßige Basis für die Ursachenforschung in Bezug auf die positive Gesamtsicht der SchülerInnen auf das Fach aufgefasst werden kann.

 

Einer der beiden Schüler reflektiert:

„Ich entschied mich dafür, in der 11. Klasse Medien und Kommunikationsunterricht zu machen, ohne zu wissen was das genau bedeutet. Heute weiß ich es und bereue nicht, MuK gewählt zu haben. Im ersten Jahr lernte ich, wie man richtig Fotos macht. Daraufhin wurden die nächsten Bilder gleich merklich besser, meine Familie meinte es zumindest. Ein Jahr später folgten die ersten Tonaufnahmen und der erste Film. Durch den MuK-Unterricht war ich überhaupt nur in der Lage, einen Film zu machen. Dieser wurde zu SAT 1 geschickt und war Teil des Wettbewerbs „Zeig Mut“.

Durch die Projektarbeit haben wir MuK-Schüler gegenüber anderen mitbekommen, dass die Pausen nicht immer exakt einzuhalten sind, da es besser ist, eine Sache schnell noch zu Ende zu machen und dann Pause zu machen bzw. die Unterrichtszeit gar nicht ausreicht. MuK belegen heißt auch  Freizeit opfern. Bei anderen Schülern ist es wichtig, die Pausen einzuhalten, denn sie müssen entweder ganz dringend auf die Toilette oder sind am Verhungern und können darauf keine 2 Minuten warten. Wenn es zum Unterricht klingelt, sind sie nicht so genau, es sei denn, der Lehrer macht sie darauf aufmerksam, dass es geklingelt hat. Ich denke, ein Schüler der Abiturstufe sollte nicht das Essen als Priorität haben.

Der Umgang mit technischen Geräten und auch der Umgang mit speziellen Computerprogrammen ist mir möglich gemacht worden. Da ich auch ins Internet gehen musste, kann ich das jetzt auch zumindest soweit, dass ich mir Informationen aus dem Internet holen kann.

Projekte in andren Fächern sind für mich auch einfacher und werden besser, da ich weiß, es kommt auf den Inhalt an und es muss für die Zielgruppe ansprechend sein, zum Beispiel sollte ein Plakat optisch nach etwas aussehen, damit es angesehen wird, sonst hat es ja keinen Sinn.“

 

Der zweite Schüler schreibt:

„Nachdem im MuK-Unterricht die Grundlagen geschaffen wurden, habe ich mich mit meinen Gruppenpartner verständigt, wie unser SAT 1-Filmprojekt aussehen sollte, das fördert den Teamgeist. Gewonnen habe ich zwar beim Wettbewerb nicht, aber an Erfahrung bei der Produktion von Videos, Projekterstellung und vor allem Teamfähigkeit. Zur Zeit arbeite ich wieder mit einem Partner an einer Präsentation. Wir wollen eine interaktive CD-ROM zum Thema „Betriebssysteme“ erstellen und trotz der Tatsache, dass dieses Projekt noch nicht fertig ist, kann man jetzt schon sagen, dass wir ’ne Menge gelernt haben in unseren MuK-Jahren. Den Umgang mit der Hardware ebenso wie die Verwendung aller möglichen Multimediasoftware. Mein fotografisches Können konnte ich gut in New York anwenden. Die vergrößerten Bilder geben meinem Zimmer das gewisse Etwas.... Noch ’nen Tipp zum Internet: Ich recherchiere viel, bin mir aber bewusst, dass man sehr aufpassen muss - wahr oder falsch?

- die Kompetenz, sowas zu entscheiden,

- auch das lernen wir in MuK.“

 

Die Schülerin zieht folgendes Zwischenfazit:

Das Unterrichtsfach MuK, das wir 1999 als erste 11. Klasse auf der Sportschule belegen durften, interessierte mich sehr. Die Integration von Medien im Unterricht, wie Deutsch oder Politik -, ich versprach mir durch dieses Fach einen besseren Umgang mit den Medien wie z.B. dem Internet. Da ich auch anfangs keine Kenntnisse im Umgang mit einem Computer hatte, bin ich heute umso mehr an seinen Funktionen und vor allem an den gestalterischen Möglichkeiten interessiert. MuK bietet, in einer freieren Unterrichtsform, Schülern die Möglichkeit, ihre Interessen im Bezug auf die Analyse von Medien (Print-, Audio-, audiovisuelle Medien) und insbesondere auch ihre Gestaltung zu vertiefen oder überhaupt zu entwickeln. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich anfangs Schwierigkeiten, mich in MuK von meinen Vorstellungen der üblichen (autoritären) Unterrichtsform zu lösen. Doch mittlerweile halte ich die Form mit einem eher moderierenden Lehrer für sehr effektiv und beispielhaft. MuK hat mir vor allem sehr bei meiner Berufswahl und meiner Interessendefinition geholfen.“

 

Versucht man, die in den verschiedenen Evaluationen versammelten Argumente zu bündeln, mit denen die jeweilige Sicht auf MuK begründet wird, so ergibt sich in etwa folgendes Bild; die Reihenfolge der genannten Aspekte stellt dabei keine Rangfolge dar. In der Perspektive der SchülerInnen sprechen für MuK insbesondere folgende Aspekte:

-         eine große lebensweltliche Relevanz der Unterrichtsinhalte;

-         ein hohes Maß an Selbststeuerung im Lernprozess;

-         eine positive Ausstrahlung des Faches auf die Schulöffentlichkeit und weitergehende Auswirkungen im Hinblick auf die Öffnung der Schule;

-         Produkt- und Projektorientierung des Unterrichts

-         das fächerübergreifende bzw. -verbindende Potential;

-         die Möglichkeiten sozialen Lernens;

-         ein großes kreatives Potential;

-         ein Zuwachs an analytischer, technischer und Mediennutzungskompetenz;

-         ein verändertes Lehrer-Schüler-Verhältnis.

 

Nimmt man die Evaluationen der SchülerInnen ernst, dann scheint das neue Unterrichtsfach weit mehr zu bieten als eine Modernisierung des Unterrichts im Sinne einer Einbeziehung neuer Medien. Offensichtlich kann MuK einen Beitrag dahingehend leisten, die Lernkultur überhaupt zu verändern. Insofern ist es Zeit, die Ebene subjektiver Erinnerungen zu verlassen und auf einer allgemeineren Ebene nach den Ursachen für den Erfolg von MuK in der Perspektive der SchülerInnen zu fragen.

 

 


Schöne Schwierigkeiten.

Vom didaktischen Potential des MuK-Unterrichts im Zusammenhang der Schaffung einer „Neuen Lernkultur“

 

Auch in Deutschland hat sich in der pädagogischen Diskussion seit einigen Jahrzehnten die Distanz zu „traditionellen“ - das heißt hier vor allem: behavioristisch aufgeladenen - Standpunkten mehr und mehr vergrößert. So hatte die folgende zuspitzende Frage – gestellt vor einigen Jahren in einem anderen Fachzusammenhang als dem hier vorliegenden - zunächst vor allem rhetorischen Charakter. „Denn wer“, so fragte D. Klose 1998 auf der Konferenz für Geschichtsdidaktik, „wird sich angesichts moderner Erkenntnisse zu einer Auffassung vom Lernen bekennen, das auf die Übermittlung von fertigem, gesichertem Wissen zielt, der Gewißheit einer linearen Veränderung von Menschen durch Bildung vertraut, gewissermaßen immer noch dem Behaviorismus huldigt, und das methodische Regelwerk als Transportbandsystem versteht? Die Didaktik als Abbilddidaktik?“ Die Antwort ist folgerichtig: „Niemand.“ Im unmittelbaren Anschluss wird die Eindeutigkeit jedoch aufgelöst: „Dennoch kann man davon ausgehen, daß der überwiegende Teil von Unterricht in den konventionellen Bahnen der Wissensvermittlung verläuft. Auf diesem allgemeinen Hintergrund schulischen Lernens wird kaum jemand ein schlechtes Gewissen haben, eine Unmenge Zeit darauf zu verwenden, Kindern und Jugendlichen […] Wissen zu vermitteln, das, am längerfristigen Ergebnis gemessen, flach ist, auch ‚träge’ wie Mandl solches nicht dem Leben verbundene und folglich nicht handlungswirksame Wissen bezeichnet…“ (Klose in Schönemann, Uffelmann, Voit [Hrsg.] 1998, S.75f.) Ganz offensichtlich schlägt sich in der pädagogischen Praxis die Abkehr von „traditionellen“ Auffassungen, nach denen die SchülerInnen im Lehr-Lern-Prozess lediglich Objektstatus einnehmen, bislang nicht oder nur unzureichend nieder.

Es ist hier nicht der Ort, den Ursachenkomplex für die Zählebigkeit althergebrachter pädagogischer und didaktischer Muster, deren Kontraproduktivität längst erwiesen ist, zu erörtern. Angemerkt sei in diesem Zusammenhang jedoch zumindest, dass der „Schwarze Peter“ nicht allein bei den LehrerInnen abgelegt werden sollte, sondern dass insgesamt auch in der (universitären) Forschungslandschaft erhebliche Defizite hinsichtlich der so wichtigen Theorie-Praxis-Brücke bestehen.

Eine der Stärken des Modellversuchs „Medien und Kommunikation“ bestand nun gerade darin, dass er keinerlei Retortencharakter hatte, sondern inmitten einer differenzierten pädagogischen Praxis stattfand, was auch bedeutete, dass er mit allen Reibungsflächen und Kohärenzen zu ihrem Bestandteil werden konnte. Der konzeptionell angelegte und konsequent beibehaltene Praxisbezug ist wohl wesentlich verantwortlich dafür, dass am Ende des Modellversuchs konkrete Schlussfolgerungen nicht nur in Bezug auf das Potential von Medienerziehung an der Schule, sondern darüber hinaus auf die Bedingungsfelder für die Entstehung einer „Neuen Lernkultur“ gezogen werden können.

Unter Rückbezug auf die zitierten Reflexionen der SchülerInnen lässt sich zunächst festhalten, dass sich MuK als Unterrichtsfach „klassischen“ Formen der Unterrichtsphilosophie und -technologie weitgehend verweigert hat. Der Erfolg des Modellversuchs fußt offenbar wesentlich darauf, dass dem Lehr-Lern-Prozess weder ein einfaches Reiz-Reaktions-Schema im behavioristischen Verständnis, noch ein Input-Output-Modell im Sinne einer kognitivistischen Instruktionstechnologie unterlag. Lernen gestaltete sich vielmehr als weitgehend konstruktiver Prozess.

Diese wichtige Schlussfolgerung bedarf der Konkretion; denn es wäre eine wohl mehr als abenteuerliche Überschätzung des Faches, wenn man annähme, dass es allein mit seiner Implementierung in den Fächerkanon zu einer grundlegenden Veränderung der Lernkultur beitragen könne. Die vermehrte Einbeziehung von (modernen) Medien in den Unterricht stellt für sich genommen lediglich eine Ausweitung der instrumentellen und gegenständlichen Möglichkeiten im Lehr-Lern-Prozess dar - und sicher gibt es in der unterrichtlichen Praxis auch genügend Beispiele dafür, dass die Einbeziehung von Medien in den Unterricht allein weder etwas an seiner behavioristisch orientierten Grundlage noch an seiner praktischen Gestaltung zu ändern vermag.

Wenn man nach den Ursachen für die weitgehend konstruktivistische Prägung von MuK fragt, muss man den Blick wohl auf alle Komponenten des unterrichtlichen Prozesses sowie darüber hinaus auf deren Rückkopplungen mit der Erfahrungswelt der SchülerInnen richten - einer Welt, die wesentlich durch Segen und auch Flüche der wissenschaftlich-technischen Revolution und den Umgang mit modernen Medien geprägt ist und die mit den Erfahrungswerten traditioneller Unterrichtsmuster weder befriedigend zu erklären noch zu gestalten ist. Auch insofern bilden die SchülerInnen - zumindest hinsichtlich ihres Anspruches - den wahrscheinlich stabilsten Faktor im unterrichtlichen Beziehungsgeflecht, denn klagende (Selbst-)Zeugnisse über einen Unterricht, bei dem der Lernende nicht viel mehr als ein Gefäß darstellt, in das die mehr oder weniger zweckmäßigen „Offenbarungen“ der Lehrenden „eingefüllt“ wurden, gibt es wohl, solange institutionell gelehrt und gelernt wird. Die Rede ist hier von einem Lernen nicht „für’s Leben“, sondern „für die Schule“, vom „toten“, vor allem rezeptiv orientierten Lernen, bei dem unterrichtliche Inhalte von den SchülerInnen zunächst weitgehend passiv aufgenommen und zu gegebenem Zeitpunkt „abgerufen“, d.h. reproduziert werden – zumeist um sie danach wieder zu vergessen.

Demgegenüber betonen die Resultate des Modellversuchs MuK und dabei insbesondere auch die Schülerreflexionen ein anderes Verständnis von Lernen, das die Lernenden in einer aktiven Position sieht.

Dies muss zwangsläufig Auswirkungen auf die Stellung der Lehrenden im Unterrichtsprozess haben, denn der alte Zusammenhang „aktive Lehrende – passive Lernende“ lässt sich damit nicht mehr aufrechterhalten. Indes wäre es wohl eine krasse Fehleinschätzung anzunehmen, dass sich zu Beginn des Modellversuchs aus den beteiligten Schulen eine Gruppe beschlagener Konstruktivisten zusammengefunden hatte, die nunmehr an eine erneute Umsetzung ihres pädagogisch-didaktischen Credos gehen wollte. Das Selbstverständnis der Lehrenden, das ja eigentlich den Anfang von aller Erziehungs- und Bildungstätigkeit bilden sollte, stand anfänglich keineswegs klar auf einem konstruktivistischen Fundament. Der „Hauptnenner“ der beteiligten KollegInnen war größer, undifferenzierter. In der Nachschau lässt sich dieser Ausgangspunkt vielleicht am ehrlichsten als ein negativ motivierter fassen – negativ insofern, als die beteiligten LehrerInnen vor allem durch ihre wachsende Ablehnung eines Rollenverständnisses miteinander verbunden waren, das sie als Darbietende von aufbereiteten Endprodukten an die SchülerInnen auffasste. Diese Unzufriedenheit kann als ein wesentlicher Faktor für die Suche nach einer grundsätzlichen Alternative in Bezug auf die Gestaltung von Unterrichtsprozessen aufgefasst werden. Die wenigsten der beteiligten KollegInnen gingen als „konstruktivistisch Wissende“ in diesen Prozess - aber sie waren dafür offen. Diese Offenheit in pädagogischer, didaktischer und methodischer Hinsicht und eine damit verbundene Bereitschaft zur Veränderung von Unterricht einschließlich einer Veränderung der Selbstsicht als Lehrende waren entscheidend dafür, dass die Hemmschwelle zum Verlassen des „sicheren Platzes hinterm Katheder“ abgesenkt war. Die „bewährten“ Tätigkeiten des Erklärens, Demonstrierens und Anleitens wurden bei dieser Distanzverringerung gegenüber den SchülerInnen - denn um nicht weniger handelte es sich dabei - keineswegs gegenstandslos, nur mutete man sie nicht mehr ausschließlich sich selbst, sondern auch den Lernenden zu, und sie wurden ergänzt und zunehmend überlagert durch ein Reservoir von Tätigkeiten, bei dem die Lehrenden vor allem als Arrangeure von Lernumgebungen auftraten. Motivieren, Organisieren, Beraten und Unterstützen spielten nun eine weit größere Rolle als zuvor, die Position der Lehrenden im Unterrichtsprozess wurde zunehmend eine reaktive. Den ersten Schritt zu gehen war häufig nicht einfach, jedoch wurden die KollegInnen bereits durch die ersten Ergebnisse bestärkt und ermutigt, den eingeschlagenen konstruktivistischen Pfad weiterzugehen und zu verbreitern.

Die positiven Ergebnisse bezogen sich nun keineswegs allein auf zunehmende Kenntnisse der SchülerInnen in Bezug auf den Umgang mit Medien, sondern darüber hinaus auf eine generelle Öffnung des Unterrichtsprozesses. Das Hinterfragen und Verändern des eigenen Rollenverständnisses von Seiten der Lehrenden führte zu einem höheren Grad an Authentizität; die Lehrenden wurden zunehmend „lebendig“. Dieser Prozess wurde von den SchülerInnen gemäß ihrer „älteren Ansprüche“ unmittelbar honoriert, indem sie sich ihrerseits immer weniger als funktionierende, d.h. Wissen reproduzierende Rollenträger, sondern zunehmend als ganze Personen in den Unterricht einbrachten.

Dieses auf beiden Seiten zunehmende Maß an Authentizität im Lehr-Lern-Prozess scheint letztlich ein zentraler Bestandteil dessen zu sein, was in der pädagogischen und didaktischen Diskussion bereits seit langem und nunmehr unter dem Leitbegriff einer „Neuen Lernkultur“ gefordert ist.

Die Medien selbst können - das wurde oben bereits angedeutet - erst im Zusammenhang mit den im konkreten Unterrichtsprozess Beteiligten als gegenständliches und instrumentelles Potential für die Schaffung einer „Neuen Lernkultur“ hilfreich sein. Unter diesem Aspekt besteht kein Unterschied zwischen Tafel und Kreide auf der einen und einem Multimedia-PC auf der anderen Seite. Allerdings bergen insbesondere die Neuen Medien als Unterrichtsmittel und -gegenstände per se ein immenses Potential, das in einem veränderten Lehr-Lern-Prozess gewinnbringend gehoben werden und auf diesen selbst zurückwirken kann. Unter dieser Bedingung kann die Bedeutung von Medien im Unterricht also weit über den Status innovativer Unterrichtsmittel und interessanter Unterrichtsgegenstände hinausgehen.

Die Frage, worin das Potential des Unterrichtsfaches „Medien und Kommunikation“ im Zusammenhang mit einer veränderten Struktur der Lehr-Lern-Prozesse besteht, lässt sich unter didaktischen Gesichtspunkten und in allgemeiner Hinsicht u.a. mit Blick auf die Ansprüche an die Gestaltung von Unterricht beantworten. Ganz offensichtlich konnte und kann dem konstruktivistischen Anspruch, der „den Wissenserwerb als einen aktiven, selbstgesteuerten, konstruktiven, situativen und sozialen Prozeß“ (Reinmann-Rothmeier / Mandl 1994, S. 8) versteht, in der konkreten Unterrichtspraxis des MuK-Unterrichts in didaktisch-methodischer Hinsicht weitgehend entsprochen werden. Auf einige wesentliche Aspekte in diesem Bereich sei nunmehr näher eingegangen. Um die Verbindung zwischen Abstraktion und Veranschaulichung zu ermöglichen, sind im Folgenden auch konkrete Beispiele einbezogen, die sich aufgrund des „pädagogischen Lebensraumes“ der Autoren dieses Beitrages vorwiegend auf die Sportschule Potsdam beziehen.

 

Neben dem Umstand, dass man aktuelle gesellschaftliche Prozesse häufig übergreifend mit Begriffen wie „Informations-“ bzw. „Medienzeitalter“ charakterisiert, ermöglicht auch die Tatsache, dass mediale Einflüsse heutzutage die Gestaltung des Alltags Heranwachsender wesentlich bestimmen, ein hohes Maß an Schülerorientierung bei der Gestaltung des Unterrichts. Bei einer beschriebenen Verflüssigung des traditionellen Lehrer-Schüler-Verhältnisses korrespondiert diese mit einem großen Potential an Schülerselbsttätigkeit, wobei die Lernenden als Subjekte des Unterrichtsprozesses ernst genommen werden, indem ihnen ein weitaus höherer Anteil bei Planung, Strukturierung, Durchführung und auch Evaluation der Lehr-Lern-Prozesse eingeräumt ist als zuvor.

Dass der Zusammenhang aus starker Schülerorientierung und Schülerselbsttätigkeit ein Schlüssel zur Schaffung einer „Neuen Lernkultur“ ist, kann nicht genug betont werden. Während des Modellversuchs gab es in allen Netzwerkschulen dafür einen deutlichen Indikator: das starke Absinken des Anteils von Frontalunterricht gegenüber anderen Sozialformen. Man kann davon ausgehen, dass im Querschnitt der Jahrgangsstufen 11 bis 13 noch etwa 25% des Unterrichts in der ansonsten häufig (mit etwa 70-75%) deutlich dominierenden Sozialform stattfanden. Demgegenüber stiegen die Anteile von Einzel-, Partner- und Gruppenunterricht deutlich an, wobei von rezeptiven Unterrichtsanteilen nie völlig abgesehen wurde, sie aber im Unterrichtsverlauf von den Klassenstufen 11 bis 13 kontinuierlich absanken.

Schülerorientierung ist im MuK-Unterricht nicht ein von Zeit zu Zeit angewendetes didaktisches Prinzip, sondern sie zieht sich als didaktische Grundkonstante durch den gesamten Unterricht. Dass die Lernenden in ihren Lernvoraussetzungen und -bedürfnissen von Beginn an nicht nur ernst genommen werden, sondern diese die Gestaltung des Unterrichtsprozesses wesentlich prägen, können folgende Beispiele belegen. Bei der jährlich zu Beginn der 11. Klasse stattfindenden Weimar-Exkursion haben bereits die „neuen“ MuK-SchülerInnen der Sportschule Potsdam spezifische Arbeitsaufträge im Gepäck. Sie sind nach ihrem persönlichen Weimar-Bild gefragt. Die SchülerInnen können sowohl umfassend als auch schwerpunktbezogen arbeiten, wobei in beiden Fällen von inhaltlichen Vorgaben abgesehen wird. Insofern unterliegt der entstehenden Weimar-Reflexion, die dann als Print-Bild-Kombination in der Lerngruppe präsentiert und zur Diskussion gestellt wird, ein hohes identifikatorisches Potential, das in Aufgabenstellung, Durchführung und Auswertung die Persönlichkeit der SchülerInnen anspricht.

Dieses Prinzip setzt sich im weiteren Verlauf fort. In einer Unterrichtsreihe zum Thema Fotografie sind inhaltliche Schwerpunkte wie „Selbstportrait“ und „Portrait von MitschülerInnen“ an der Tagesordnung; die Reihe endet mit einer kleinen Fotoausstellung, wobei die SchülerInnen ihre selbst produzierten Fotografien vor einem kritischen Auditorium präsentieren und verteidigen.

 

Sofern die Einbeziehung von Medien in unterrichtliche Prozesse nicht auf rezeptive Aspekte beschränkt bleibt, sondern darüber hinaus das sinnlich-kreative praktische und geistige Tätigwerden der SchülerInnen „mit Kopf, Herz und Hand“ zum wesentlichen Bestandteil des Unterrichtsprozesses wird, kann sich im Umgang mit Medien der Anspruch der Handlungsorientierung verwirklichen. Die Ergebnisse des Modellversuchs MuK zeigen deutlich, dass das Zusammenspiel aus Schüler- und Handlungsorientierung eine außerordentliche hohe und nachhaltige Lernmotivation und auslösen und qualitätsvolle Lernergebnisse evozieren können, wobei die SchülerInnen nicht zum Lernen „überredet“ werden müssen, sondern häufig die LehrInnen fragen, ob sie über die Unterrichtszeit hinaus arbeiten können.

So kann bereits ein scheinbar kleines Unterrichtselement wie das Entwickeln des ersten eigenen Fotos in der Dunkelkammer für viele SchülerInnen zu einem wirklichen Schlüsselerlebnis werden, da sie das Gefühl haben, sich handelnd selbst zu verwirklichen, indem sie etwas, was mit ihnen selbst zu tun hat, vorbereiten, produzieren und gestalten.

 

Mit der Schüler- und Handlungsorientierung korrespondieren gegenüber traditionellen Fachzusammenhängen erweiterte Möglichkeiten für eine Projektorientierung des Unterrichts, wobei die SchülerInnen von der Gestaltung der Themen bis zur Präsentation der Produkte nicht als Ausführende, sondern als verantwortlich Handelnde begriffen werden.

So laufen die Abschlussarbeiten der SchülerInnen an der Voltaire-Gesamtschule, der Pilotschule des Modellversuchs MuK, bezeichnenderweise unter der Überschrift „Gesellenstück“; vergleichbare Unterrichtsreihen, die sich über ein ganzes Semester erstrecken können, gibt es an allen Netzwerkschulen. Die Kombination aus Schüler-, Handlungs- und Projektorientierung lässt sich häufig bereits an den erteilten Arbeitsaufträgen ablesen. So sollen an der Sportschule Potsdam die MuK-SchülerInnen in der 13. Jahrgangsstufe eine Multimedia-CD anfertigen, wobei erstens alle bisher erlangten Kompetenzen im Hinblick auf Print, Foto, Audio und Video einbezogen sein müssen und zweitens ein konkreter Unterrichtsbezug hergestellt sein muss. Welcher Unterrichtsbezug hergestellt wird, obliegt den SchülerInnen selbst. Die CD-Roms der SchülerInnen der letzten 13. Klassen des MuK-Kurses der Sportschule Potsdam trugen demzufolge sehr unterschiedliche Überschriften, z.B. „Kunstgeschichte“, „Schüleraustausch USA. Impressionen eines Jahres im Ausland“, „50 Jahre Sportschule“ „Betriebssysteme“, „Modedesign im Wandel der Zeiten“ u.a. Gemeinsam war ihnen indes, dass sie individuellen oder partnerschaftlichen Projektstatus einnahmen und nunmehr als Lernmittel für andere SchülerInnen und in anderen Fachzusammenhängen sowie in der Schulöffentlichkeit eingesetzt werden können.

 

Attraktivität von Medien lebt wesentlich von der Möglichkeit ihrer sinnlichen Aneignung. Das Angebot an Produkten, die über die kognitive Ebene hinaus die Sinne der Lernenden ansprechen und affektive Zugangsmöglichkeiten eröffnen, hat sich im Zuge der Medienentwicklung potenziert. Das damit verbundene Potential zur Ganzheitlichkeit des Lernens beschränkt sich dabei keinesfalls auf den Aspekt der Aneignung, sondern kann insbesondere auch bei der Produktion und Gestaltung von Medien wirksam werden.

So unterlag ganzheitliches Lernen beispielsweise den eben angesprochenen Multimedia-Produktionen der 13. Klassen; die SchülerInnen versuchten während der Planung und Produktion ihrer CD-Roms keineswegs nur, Wissen zum Gegenstand zu akkumulieren und für einen „reibungslosen Transfer“ zum Rezipienten aufzubereiten, sondern sie wählten aufgrund der weitgehenden Wahlfreiheit des Gegenstandes sowohl selbst einen auch emotionalen Zugang als auch versuchten sie bewusst, affektive Aspekte bei der Produktion und Gestaltung ihrer CD-Rom zur Erhöhung der Attraktivität des Endproduktes einzubeziehen.

Als ein weiteres, sehr konkretes Beispiel für die Produktivität von Ganzheitlichkeit im Unterricht kann die Beschäftigung mit der Thematik „Gewalt und Ausländerfeindlichkeit“ im Fach Politische Bildung in der 11.Jahrgangsstufe der Sportschule Potsdam gelten. Während die MuK-SchülerInnen unter fächerverbindenden Aspekten den Auftrag hatten, das Thema in Form eines Hörspiels aufzubereiten, bearbeitete der andere Teil des Kurses den Gegenstand in Form einer Literaturrecherche. Sowohl während der Erarbeitungs- als auch der Präsentationsphase waren die MuK-SchülerInnen motivierter als die anderen Lernenden - und dies vor allem deshalb, weil die Möglichkeit einer Audioproduktion eine weitaus größere sinnliche Annäherung an die Thematik ermöglichte. Im Resultat waren auch die Hörspielprodukte wesentlich ansprechender als die mit Hefteraufzeichnungen gestützten Schülervorträge.

 

Der Vielfalt sowohl der medialen Angebote als auch der Umgangsweisen mit Medien kann mit der Umsetzung des Anspruchs der Differenzierung entsprochen werden. Insbesondere dann, wenn sich in Lehr-Lern-Prozessen ein hohes Maß an Schülerselbsttätigkeit verwirklicht, können individuelle Lernvoraussetzungen, Motivationen, Erfahrungen und Interessen sowie unterschiedliche Niveaustufen hinsichtlich der Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit im Unterrichtsprozess berücksichtigt werden. Berücksichtigung meint hier nicht etwa ein Anstreben von Reproduktionen bereits bestehender Kompetenzen und Niveaustufen, sondern eine zielgenauere Förderung unter Bezug auf bei den SchülerInnen bestehende Vernetzungsangebote, die den Subjektstatus der SchülerInnen im Lehr-Lern-Prozess erhöht.

Als ein Beispiel für einen differenzierenden Unterrichtsansatz kann der Leitspruch dienen, unter dem von vornherein der MuK-Unterricht an der Sportschule Potsdam stand: „Plus hilft Minus“. Bei dieser Überschrift geht es gerade nicht um die Nivellierung von Unterschieden, sondern um die produktive Einbeziehung von Stärken der Lernenden auf analytischen, technischen, ästhetischen u.a. Gebieten, die MitschülerInnen und auch Lehrenden in einzelnen Unterrichtsphasen helfen und dabei gleichzeitig ihre eigenen Kompetenzen entsprechend dem Motto „Ich habe es wirklich begriffen, wenn ich es vermitteln kann“ erweitern können.

 

Bei den in den meisten MuK-Schulen im Verlauf des Modellprojekts installierten Rahmenplänen handelt es sich bei Print-, Foto-, Audio-, Video-/Filmmedien und Multimedia um Themenbereiche, die in sich äußerst umfangreich und differenziert das gesellschaftliche Leben begleiten und individuelle und kollektive Weltsichten konstituieren. Gerade in Bezug auf die gegenüber den „alten“ Medien stürmisch verlaufende Entwicklung im Bereich der Neuen Medien wäre es von vornherein aussichtslos und auch kontraproduktiv, eine Behandlung aller möglichen Themenbereiche auch nur anzustreben. Dies gilt sowohl im Hinblick auf die in unterrichtlichen Kontexten einsetzbare Hard- und Software als auch insbesondere für Medien als Gegenstand von Lehr-Lern-Prozessen. Damit ist die Möglichkeit eines exemplarischen Lernens eröffnet, das bewusst Schwerpunkte hinsichtlich schüler- und problembezogener Aspekte setzt, die an vorhandenen Kompetenzen der SchülerInnen anknüpfen können und das Erschließen komplexer Zusammenhänge an ausgewählten Inhalten ermöglichen.

Im Zusammenhang mit den Ansprüchen der Schülerorientierung und Differenzierung kann beispielsweise komplexe Moderatoren- und Präsentationssoftware exemplarisch so behandelt werden, dass sich die SchülerInnen jeweils mit bestimmten bzw. wesentlichen Tools vertieft auseinandersetzen, um dann ihre erlangten Kompetenzen an die MitschülerInnen weiterzugeben, so dass aus der exemplarischen Thematisierung schließlich ein ganzheitlicher und transferierbarer Zugang auch in Bezug auf andere Softwareangebote erwachsen kann.

 

Das Aushandeln von Entwicklungen ist heute ohne die Medien als Mittel und Gegenstand in der öffentlichen Debatte undenkbar. Insofern ist es gerade für die Schule von großer Bedeutung, Medienerziehung in einem engen Zusammenhang mit Werteerziehung als Beitrag zur Demokratieentwicklung aufzufassen. Die Widerspiegelung gesellschaftlicher Schlüsselprobleme in und durch Medien verlangt demzufolge bei deren verstärkter Einbeziehung in den Unterricht nach einer Problemorientierung der Lehr-Lern-Prozesse, die die SchülerInnen zur intensiven Auseinandersetzung mit Möglichkeiten, Grenzen und auch Gefahren des individuellen und kollektiven Umgangs mit Medien anregt. So verstandenes problemorientiertes Lernen bezieht sich dabei keineswegs allein auf Aspekte der Medienrezeption. Indem die SchülerInnen im unterrichtlichen Prozess zunehmend auch selbst zu MediengestalterInnen und –produzentInnen werden, erweitert sich der Horizont problemorientierter Fragestellungen in den handelnden, d.h. aktiv, strukturierenden, planenden und gestaltenden Umgang der Lernenden mit den Medien.

Allein der Umstand, dass sich die Wirkung von Medien heute in ihrer Benennung als die „vierte Gewalt“ niederschlägt, eröffnet ein weites Feld in Bezug auf einen problemorientierten Unterricht in Sachzusammenhängen wie Medien und Markt, dem Verhältnis zwischen Medien und Politik, Geschichte der Medien, Medien und Vorurteile, Medien im Krieg u.v.a. Wenn sich beispielsweise SchülerInnen der Voltaire-Gesamtschule Potsdam in der 12. Jahrgangsstufe mit dem Thema „Utopie“ auseinandersetzen, so ist die Problematisierung bestehender Gesellschafts- und Staatsentwürfe dabei ein genuiner Bestandteil, der sich über den rezeptiven Aspekt dann auch im angestrebten Multimedia-Produkt niederschlägt - ebenso wie bei der Produktion eines Hörspiels zum Thema „Gewalt und Ausländerfeindlichkeit“ in der 11. Jahrgangsstufe der Sportschule.

 

Gerade in Bezug auf den Bereich der Medien und ihren gesellschaftliche Wirksamkeit können die SchülerInnen zunehmend selbsttätig die Einsicht gewinnen, dass scheinbar einfache Antworten und eindeutige Lösungen bei der Beantwortung komplexer Fragestellungen und auch der Gestaltung komplexerer Unterrichtsergebnisse häufig zu kurz greifen. Damit besteht für die Lernenden die Möglichkeit, selbsttätig Potentiale der Multiperspektivität und auch Kontroversität zu entdecken und zu nutzen, wobei die bewusste grundsätzliche Anerkennung der Pluralität von Standpunkten einen wichtigen Beitrag zur Werteerziehung im Rahmen des demokratischen und sozialen Rechtsstaatsgefüges leisten kann. Darüber hinaus verlangt die Umsetzung multiperspektivisch gestalteten Medienunterrichts den Bezug zu Erkenntnissen der Bezugswissenschaften. Damit eröffnen sich sowohl in inhaltlicher als auch methodischer Hinsicht vielfältige Möglichkeiten zur Umsetzung des didaktischen Anspruchs der Wissenschaftspropädeutik, die wesentlich zur Ausbildung von Studierfähigkeit bei den SchülerInnen beiträgt.

So ging es beispielsweise im Rahmen der Unterrichtsreihe „Von der Fotoplatte zum binär codierten Fotodesign“ an der Sportschule Potsdam weder in analytischer Hinsicht noch bei der Produktion und Gestaltung von Fotos darum, einer von vornherein „gegebenen“ Lesart zu entsprechen. Im Gegenteil: Die SchülerInnen sollten ihre eigene „Handschrift“ sowohl bei der Beschreibung, Einordnung und Deutung nicht selbst produzierter Fotografien als auch insbesondere bei der Produktion, Gestaltung und Präsentation eigener Fotos entwickeln und nachweisen. Dies bedeutete keineswegs Beliebigkeit, sondern die sachlich fundierte Entwicklung einer eigenen Perspektive auf den Lerngegenstand, die im Folgenden die Basis für die Zusammenführung von Einzelprodukten und individuellen Argumentationen zu einer Gesamtschau in der Lerngruppe darstellte. Hierbei entstanden unterschiedliche Zugänge insbesondere zum Thema „Sportfotografie“, die sich in der Produktion eigener Fotografien niederschlugen und sich schließlich der kritischen Begutachtung und gemeinsamen Diskussion im Forum stellten.

Der Anspruch der Wissenschaftspropädeutik verwirklichte sich in diesem Gegenstandsfeld zunächst vor allem im Hinblick auf die Entwicklung der Analysekompetenz; diese bezog sich zuerst auf Fremd-, später auch auf eigene Produkte. Darüber hinaus spielten im Hinblick auf die Geschichte der Fotografie, die Fotoanalyse, im Zusammenhang mit Aufnahmeprinzipien bei klassischen und digitalen Verfahren, in Bezug auf Verfremdungstechniken, in Schulungsphasen hinsichtlich digitaler Medien und entsprechender Software sowie im Zusammenhang mit umfangreichen konzeptionellen Überlegungen immer wieder Erkenntnisse aus verschiedenen Bereichen der Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften eine große Rolle.

 

Indem Medien zum zentralen Gegenstand von Unterricht avancieren, potenzieren sich die Möglichkeiten, bereits vorhandene Kompetenzen, Erfahrungen und Erlebnisse der SchülerInnen einzubeziehen. Dabei geht es nicht um ein Ersetzen wissenschafts- und problemorientierter durch alltagsorientierte Fragestellungen, sondern um eine Verflüssigung bzw. Überwindung der häufig zwischen beiden Bereichen gezogenen Grenzen. Damit erschließen sich vielfältige Potenzen gemäß des Anspruchs der Offenheit unterrichtlicher Prozesse, die das Erreichen übergreifender Richtziele wie die Entwicklung der Studierfähigkeit von AbiturientInnen nicht behindert, sondern fördert. Darüber hinaus verlangt ein komplexer Umgang insbesondere mit der Welt der Neuen Medien nach einem interdisziplinären didaktischen und methodischen Zugriff, der eingeschliffene fachliche, fachdidaktische und methodische Raster kritisch zu hinterfragen, zu modifizieren und gegebenenfalls aufzulösen vermag. Auch dieser Aspekt der Offenheit von Unterricht führt nicht in die Beliebigkeit, er wird in enger Verzahnung mit anderen didaktischen Prinzipien vielmehr gemäß konstruktivistischen Grundauffassungen dem ganzheitlichen Charakter von Lehr-Lern-Prozessen wesentlich besser gerecht als das viel zitierte traditionelle „Baukastensystem“, bei dem den Lernenden vor allem Wissenbestände vermittelt werden, die häufig weder in sich noch mit Vorwissen, -fähigkeiten und -fertigkeiten der SchülerInnen vernetzt sind und somit „träge“ bleiben. Die technischen, inhaltlichen und ästhetischen Aspekte bestehender Medienprodukte sowie entsprechend die jeweiligen Potenzen bei der Mediengestaltung und -produktion ermöglichen in diesem Zusammenhang die Verwirklichung fächerübergreifenden bzw. fächerverbindender Unterrichtskonzepte.

Im Verlauf des Modellprojekts wurde der Anspruch des fächerübergreifenden bzw. fächerverbindenden Unterrichts an allen Netzwerkschulen mehrfach umgesetzt, wobei es unterschiedliche Ausprägungen vom exemplarischen Fächerbezug bis hin zu längerfristigen Kooperationen gab. Als ein Beispiel für die exemplarische Vernetzung von Unterrichtsinhalten kann die Aufgabe gelten, aus dem gerade aktuellen Stoff einer Naturwissenschaft einen Inhalt unter Verwendung einer bestimmten Software zu erschließen, so dass sich das Produkt von der herkömmlichen Aufgabenbearbeitung abhebt. Für weitreichende Kooperationen sei hier exemplarisch die Unterrichtsreihe „Das Fremde und das Vertraute“ in der 12. Jahrgangsstufe an der Voltaire-Gesamtschule Potsdam benannt, wo die Fächer Deutsch, Politische Bildung und Informatik in inhaltlicher bzw. technischer Hinsicht eng mit MuK zusammenarbeiten.

Wird Medienerziehung in der Schule zunehmend offen gestaltet, kann dies weitreichenden Einfluss nicht nur im Hinblick auf die Erschließung fachübergreifender Erfahrungs- und Handlungsfelder haben, sondern darüber hinaus mit positiven Wechselwirkungen in Bezug auf die Schulöffentlichkeit und darüber hinaus die Öffnung von Schule gegenüber außerschulischen (Lern-)Standorten verbunden sein.

So sind MuK-SchülerInnen der Sportschule Potsdam seit Einführung des Faches aufgrund ihrer hier erlangten Kompetenzen im medialen und kommunikativen Bereich vielfach an der Durchführung schulischer und außerschulischer Veranstaltungen wie Abiturfeiern, Schulpräsentationen u.a. beteiligt, es kam zu themenbezogenen Kooperationen mit der Universität Potsdam, dem ORB; aus dem MuK-Unterricht der Schule selbst erwuchsen einige Wettbewerbsbeiträge, so z.B. für das von dem Fernsehsender SAT1 ins Leben gerufene landesweite Projekt „Zeig Mut!“ gegen Intoleranz und Ausländerfeindlichkeit.

 

Mit dem hier versuchten Aufzeigen von Möglichkeiten einer Verbindung konstruktivistischer Auffassungen und didaktischer Ansprüche an die Unterrichtsgestaltung sollte deutlich geworden sein, dass Medienerziehung an der Schule nicht nur möglich ist, sondern eine hohe Relevanz in Bezug auf das Erreichen einer „Neuen Lernkultur“ besitzt. Eine zielorientierte Verlebendigung dieses Zusammenhangs dürfte mit der Entstehung eines modernen Lernarrangements belohnt werden, in dem sich die gar nicht so neuen Hoffnungen auf eine „Neue Lernkultur“ verwirklichen können. Dass sich dieser Innovationsschub nicht „implementieren“ lässt, sondern dass er nur „wachsen“ kann, dürfte unstrittig sein. Der Beitrag sollte jedoch deutlich gemacht haben, dass die Potentiale des Unterrichtsfaches „Medien und Kommunikation“ einen fruchtbaren Boden für einen Wachstumsprozess darstellen, bei dem es nicht um einen hohen Grad an Mediengewandtheit, sondern weit darüber hinaus um Emanzipation und Mündigkeit der SchülerInnen und damit tatsächlich um ein „Lernen für’s Leben“ geht.

Angesichts alter institutioneller Zöpfe im Schulwesen, gehäufter Haushaltssperren, der Zunahme des Burn-out-Syndroms unter LehrerInnen und sonstiger vielgestaltiger realer Hindernisse und Barrieren mag dies idealistisch anmuten. Dies stört uns nicht ernsthaft; wir selbst bevorzugen allerdings das Wort „visionär“ - nicht im Sinne einer Halluzination, sondern im Sinne einer auf Zukünftiges ausgerichteten Tätigkeit. Zugegeben - in der Schulpraxis mit ihren vielfältigen Reibungsflächen ist dieses Selbstverständnis nicht immer leicht aufrechtzuerhalten. Manchmal hilft es da, wenn man sich erinnert - an diejenigen, um die es wirklich geht.

 

 

Und manchmal kann man diese Erinnerungen auch unkommentiert lassen:

 

 

 

 

Der fünfte Splitter

 

Text und Szenenfoto aus dem Video „Erde ist mein“. Von Anne-Sophie Trahorsch. Sportschule Potsdam. Jahrgangsstufe 12. Fach: Medien und Kommunikation

 

„Erde ist mein. Ich mag jenes Wachen, die Kraft tief im Warten, das atmende Lachen. Diese Sprache versteh’ ich. Diese Sprache ist rein. Das Rauschen des Flusses ist nur ein Flüstern Erstellt von iund doch wieder Schreien im unruhen Wispern. Ist nicht meine Art. Ist nicht mein Sein. Erde ist mein. Erde ist mein.
[…]

Luft umschmeichelt Tiergehäut, streichelt meine Poren, stopft sie voll mit Windgeschrei. Entwurzelt mich der Rausch. Zerbildert meine Füße tausend Fenstern auf. Wegen viel. Klammern nicht. Sie frieren. Krätze dir den Ausschlag von der Brust und binde dir doch ab das Wund und jage nicht mit Maulwurfsgebärden falschen Flügeln nach. Denn Erden beben, klirren leise, Art und Weise mir nicht angepasst. Wehre wehren, Wehre währen. Wälle stückeln mir das Haupt. Klänge binden mit den Blinden. Welker Mund verlaubt.

 

 […]

Erfüllt den Kopf mit reinem Sand, der aus meinen Augen rinnt, aus Mund und Nase quillt und meine Ohren anfüllt bis zum Rand. Wer verbrennt die Farben hinter meinem Sehen, bis aus Schwarz wieder ein Leuchten sprießt. Wer zerschmettert Ton um Ton, bis er, vom stillen Staub bedeckt, zum Urquell stößt, dass zitternd über meine Wurzeln fließt. Und wer zerschneidet den Kokon, flicht auf der Kälte matten Schein und lässt zur Ungeburt glase Sterben in mich ein.

Der erste Punkt. Der Weg dorthin. Das Tor davor. Das Ende hält sich in der Hand. Anfang bleibt zurück und bindend trennt der Blick.“